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©Esther Zahn ©Esther Zahn

Interview mit der e-Textile-Designerin Esther Zahn

Die Gründerin von UX.FTT, Esther Zahn ist eine Berliner e-Textile-Designerin, die sich mit flexiblen Sensoren beschäftigt, die sich in Kleidung integrieren lassen. Sie verbindet in ihrem Schaffen ihre Leidenschaft für Design, Musik und Technologie und hat mit uns über grenzenlose Möglichkeiten elektronischer Textilien gesprochen, die weit über Self-Tracking-Wearables und Glitzerhosen hinaus gehen. 


© Kirsten Becken / Portrait Esther Zahn

Sie waren dieses Jahr mit Ihrem neuen Projekt UX.FTT auf dem SXSW Festival in Texas und haben Ihr neuestes Werk vorgestellt – worum geht es in diesem Projekt?
Ich habe zusammen mit Hans Illiger eine Jacke entwickelt, mit der man über textile Sensoren die Musiksoftware Ableton ansteuern kann. Musiker können mit dieser Jacke ihre Musik live steuern ohne dabei hinter dem Rechner oder einem Controller mit Kabel zu stehen. Sie können sich, und das ist gerade für Live Performance interessant, frei auf der Bühne bewegen und trotzdem die Software steuern.

Wann haben Sie UX.FTT gegründet und was ist die Idee dahinter? Wofür steht der Name?
2016 habe ich angefangen meinen Fokus auf elektronische Textilien zu legen. Ich arbeite aber seit 2012 in dem Bereich „textile Mikroelektronik“. Ich habe bereits im Studium angefangen LEDs und Sensoren in Textilien zu integrieren. Der Name UX.FTT steht für nutzerzentriertes Design, also UX im Bereich Fashion-Textile-Technology.
Es ist eine Herausforderung, die Bereiche Technologie und Fashion zu vereinen, gerade weil viele Leute denken, wir Designer machen Dinge einfach nur hübsch. In meine Arbeit fließen aber auch Beobachtungen der Gesellschaft ein. Die Art und Weise, wie wir uns kleiden, verrät sehr viel über uns persönlich, aber auch unsere Gesellschaft. In meinem Studium habe ich gelernt diesen Blick zu schulen. Es reicht halt nicht, wenn man einen Sensor in ein Textil zwingt. Wenn technologiebasierte Unternehmen mehr mit Designern zusammen arbeiten würden, entstünden nicht so viele digitale Self-Tracking-Produkte, sondern eine viel weitere Bandbreite an Wearables.

Wie sind die Ideen zu THE JACKET und THE SKIRT entstanden? Wie funktionieren die beiden musikalischen Wearables?
Für mich war von Anfang an klar, dass ich mit der Sensorik Musik steuern möchte. Das mit der Musik war schon von Anfang an mein Thema. Jede Musikrichtung hat einen eigenen Modetrend inspiriert. Das liegt daran, dass sowohl Mode als auch Musik Emotionen kommunizieren. Durch neue Technologien lassen sich diese, für mich eh zusammengehörenden Bereiche, verschmelzen.
THE JACKET funktioniert als Eingabegerät. Es gibt sechs kapazitive Sensoren. Diesen Sensoren kann ich in der Musik-Software Eigenschaften zuordnen. Zum Beispiel soll bei einer leichten Berührung des Sensors ein Beat aktiviert werden, wenn ich den Sensor stärker drücke, soll ein bestimmter Audioeffekt dazu gestartet werden. Das Ganze kann ich dann für alle weiteren Sensoren ebenso machen. Ein weiteres Outfit, THE SKIRT, ist hingegen ein Ausgabegerät. Es visualisiert die Musik durch Blinken oder Faden von integrierten LEDs, auch hierfür kann ich die Parameter in Ableton definieren.

Wie lange dauert es von der ersten Idee eines solchen Wearables bis zum Prototypen?
Das ist ein fließender Prozess. Ich entwickle meine Technologien immer weiter. Am Anfang habe ich mit Max MSP gearbeitet. Das ist eine grafische Entwicklungsumgebung für Musik und Multimediale Performances, in denen ich live interagieren möchte. Es ist schwer zu sagen, wie lange das dauert, weil ich ja eigentlich in einem ständigen Entwicklungsprozess bin.

Beginnen Ihre Ideen eher mit der Form oder der Funktion?
Kann man das trennen? Das ist doch irgendwie alles zusammengehörig. Ich bin oft von Materialien und Haptik begeistert. Dann habe ich diese Materialien solange rumliegen, bis ich endlich eine Möglichkeit finde sie einzusetzen. Und dann fange ich an, Entwürfe zu machen, die im Bezug zur Funktion stehen.

Wer hilft Ihnen bei der Umsetzung Ihrer Ideen? Arbeiten Sie zum Beispiel mit Elektronik-Experten oder Musikern zusammen oder eignen Sie sich das Disziplinen übergreifende Wissen selbst an?
Ich stehe im Austausch mit Musikern, Softwareentwicklern und anderen Künstlern. THE JACKET habe ich zusammen mit Hans Illiger entwickelt. Er hat die Integration in Ableton umgesetzt, aber wir haben das ganze Projekt zusammen entwickelt und uns überlegt, dass es cool wäre, wenn die Jacke mit dem Rock sprechen könnte. Anschließend haben wir es der in Holland lebenden Musikerin Anett Kulcsar (Dansor) geschickt um damit zu spielen.

Was fasziniert Sie besonders an elektronischen Textilien?
Die Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten. Es wird Dinge geben, die wir uns noch nicht vorstellen können, das ist sehr viel spannender als die zehntausendste Glitzerhose zu gestalten. Und es gibt sehr viel interessantere Anwendungen als Muskelaktivitäten und Vitalwerte zu tracken. In der Wearable-Szene gibt es einen sonderbaren Fetisch der Selbstoptimierung, den ich nicht nachvollziehen kann. Ich meine, es ist doch eigentlich super, dass wir keine Korsetts mehr tragen müssen und dann kommen lauter Startups die uns digitale Korsetts verkaufen wollen. Mir ist das eine zu autoritäre Art Technologie zu nutzen. Und ich kann dem mit meinen Entwicklungen entgegen wirken. Es sollte immer klar sein, dass wir Technologie steuern und nicht die Technologie uns befiehlt, was wir zu tun haben.

Nachdem Sie 2013 Ihr Diplom an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin gemacht haben, haben Sie zunächst an einer Fashiondesign-Linie für Kinder gearbeitet. Wieso haben Sie die Zielgruppe nun geändert und was waren die größten Unterschiede in der Produktion für Kinder und Erwachsene?
Ich liebe die Idee von rainbow warriors, so heißt die Kinderlinie, nachhaltige faire Kindermode, die ohne Elektronik im Dunkeln leuchtet, aber die Fast-Fashion-Industrie hat die Wahrnehmung der Konsumenten, was Preisgestaltung angeht, nachhaltig negativ beeinflusst. Leute denken, dass sie alles für wenig Geld haben können. Und andererseits sind sie bereit, für Marken Unsummen auszugeben, die in Sweatshops produzieren. Das war frustrierend zu beobachten...
Jetzt mache ich etwas, von dem die Leute nicht so richtig verstehen, wie es funktioniert. Wenn wir es richtig angehen, könnte in Deutschland ein Produktionsstandort für elektronische Textilien entstehen, weil die Produktion schon komplexer ist. Es ist also auch eine Chance für die deutsche Textilindustrie.

Haben Sie schon eine Idee, wer Ihre nächste Zielgruppe werden könnte?
Der nächste Schritt ist von drahtlos zu mobile. Ich fände es super, wenn die Jugend bald auf der Straße Musik macht und miteinander interagiert anstatt Schnabelmund-Selfies zu machen, [lacht] das ist jetzt etwas autoritär von mir... Ich denke, es gibt eine Sehnsucht danach, mit anderen in Kontakt zu treten, die Zeit der Selbstgespräche ist bald vorbei.

Sie sind Mitglied der DesignFarmBerlin, könnten Sie uns kurz schildern, wie Sie dazu gekommen sind und welche Funktion dieses Netzwerk für Sie und Ihr Schaffen hat? Wie hat sich die Förderung der DesignFarmBerlin auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Man konnte sich als Absolvent der Kunsthochschule für eine Förderung bewerben, inzwischen ist es auch Externen möglich, sich zu bewerben. Gefördert werden Design-in-Tech-Konzepte. Wenn man die Förderung bekommt, dann erhält man eine sehr persönliche Betreuung. Man muss vor den anderen Farmern präsentieren und bekommt wertvolle Tipps. Es ist ein Austausch. Zusätzlich erhält man Einzelcoaching in den Bereichen, die für einen individuell wichtig sind. Es ist sehr unbürokratisch. Und man bekommt 1500 Euro im Monat um zu leben und für Materialien. Das war die erste und einzige Förderung, die ich als alleinerziehende Mutter erhalten habe. Das Jobcenter hat meinen Förderantrag abgelehnt und mir geraten, Erzieherin zu werden, was ja sehr naheliegend ist, für jemanden, der textile Sensoren entwickelt. Nach den sechs Monaten DesignFarm war ich raus aus dem Jobcenter und bin es bis heute. Auch heute noch stehe ich in engem Kontakt zur DesignFarm. Ich habe die Förderung richtig genutzt und konnte mich so aus einer sehr schwierigen Situation befreien.

Was macht Berlin als Standort in Bezug auf die Tech-Modeindustrie aus?
In Berlin ist es möglich, mit wenig Geld gut zu leben, wobei das immer schwieriger wird. Es gibt sehr viele Menschen, die keine Angst vor neuen Entwicklungen haben. Die Fashiontech-Szene lebt von interdisziplinärem Arbeiten. Wenn man international ist, kann man auch interdisziplinär arbeiten und ist aufgeschlossener. Schon Hans Fallada hat über die spontane Mentalität, das Improvisieren der Berliner Unternehmer geschrieben und in seinen Erzählungen ist Berlin genau so international wie heute... Aber in Bezug auf die produzierende Industrie ist Berlin leider nicht so gut aufgestellt.

Was sind die größten Herausforderungen, die E-Textilien mit sich bringen und wie begegnen Sie diesen?
Die Schnittstellen sind ein riesen Problem und die Diskussion, ob die Elektronik (inklusive Steuereinheit) komplett textil integriert und somit waschbar sein muss oder nicht. Die technologische Seite sagt ja, sie muss waschbar sein. Ich sage nein, kaum jemand würde seinen Anzug in die Waschmaschine packen und keiner hat ein Problem, seinen Gürtel von der Jeans zu entfernen, wenn er sie waschen will. Zumal es ja einer Menge Gürtel bedürfen würde, könnte man diese nicht für alle Hosen benutzen. Es ist notwendig, eine Lösung zu finden, die möglichst nachhaltig und intuitiv ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der Mode im E-Textile- und Smart-Wearables-Bereich? Mit welchen Entwicklungen und Veränderungen können wir Ihrer Meinung nach rechnen?
Ich denke es wird noch ein paar autoritäre, männliche Startups geben, die das Korsett neu erfinden möchten. Das war bei der Erfindung der Glühbirne nicht anders, man hätte sich ja freuen können, abends mit Freunden nicht im Dunkeln zu sitzen, aber was hat man gemacht? Die Menschen mussten früher zur Arbeit und durften später gehen.
Diese Technologie wird erst einmal eingesetzt werden, um den Personalmangel in der Pflege abzufangen und Gesundheitskosten zu senken, was ich richtig gruselig finde.
Und danach werden auch Vorhaben gefördert werden, die den Träger der Kleidung ins Zentrum stellen. Spaß zu haben, kann ja auch gesundheitsfördernd sein...

Weitere Informationen: 
http://estherzahn.com/
http://designfarmberlin.de/

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