24.04.2020 News

Esther Perbandt im Finale von “Making the Cut” Esther Perbandt im Finale von “Making the Cut”

Wir haben kurz vor Ausstrahlung des Finales der neuen Amazon Prime Casting-Show von Heidi Klum und Tim Gunn mit der Berliner Designerin Esther Perbandt gesprochen.
Esther Perbandt © Amazon, Making the Cut
Esther Perbandt © Amazon, Making the Cut

Während die Corona-Krise die gesamte Wirtschaft aktuell fest im Griff hat und die Berliner Designer und Labels ihre Produktionen auf die Herstellung von Mund/Nasen-Behelfsmasken umgestellt haben, steckt Esther Perbandt aktuell noch in einem ganz anderen Trubel. Die Berliner Designerin ist eine der insgesamt 12 Teilnehmer/innen der neuen Casting-Show von Heidi Klum und Tim Gunn.  “Making the Cut” ist der Titel der Casting Serie, die seit dem 27. März exklusiv auf Amazon Prime läuft. Das Finale ist ab heute zu sehen und noch einmal richtig spannend werden. Heute wird sich entscheiden, ob Esther, die einzige teilnehmende deutsche Designerin die hochkarätige Jury mit ihren Looks überzeugen kann. 

Wir wollten von ihr wissen, was sich durch die Teilnahme an der Show für sie geändert hat und was es für sie bedeuten würde, mit ihrem Berliner Label von der hochkarätigen Jury zur “next global brand” gekürt zu werden und das Preisgeld in Höhe von einer Million US Dollar zu erhalten.

Du bist eine der 12 Teilnehmer/innen in der neuen Amazon Prime Casting Show “Making the Cut”. Verrätst du uns, wie es dazu kam? 

Ich habe letzten Januar 2019 völlig unerwartet an einem Sonntag eine Mail bekommen von einer Casting Agentur aus Los Angeles. Sie schrieben, dass sie im Netz auf mich gestoßen sind und wissen wollten, ob ich mir nicht vorstellen könnte bei einer neuen Casting Show mit Heidi Klum und Tim Gunn mit zu machen.

Und wie hast du reagiert?

Meine erste Reaktion war natürlich: Auf gar keinen Fall! Das passt doch gar nicht zu mir. Ich hab mir doch nicht ohne Grund meine kleine super Nische aufgebaut, um jetzt etwas so kommerzielles zu machen!
Aber nach ein paar Nächten drüber schlafen, habe ich gedacht, “why not”, was habe ich zu verlieren? In dem Moment war mir nicht klar, dass man selbstverständlich eine ganze Menge zu verlieren hat. Und nachdem ich mich auf die ganze Casting-Prozedur eingelassen hatte, fing eben auch genau diese Achterbahnfahrt an, ob ich da gerade den größten Fehler meines Lebens mache.

Warum hast du trotzdem weiter gemacht?

Was immer Hauptargument für mich war, war der Gedanke, dass meine Firma mein Baby ist und dass ich auch als 80-Jährige diese Firma noch erfolgreich führen möchte. Und so langsam wurde mir bewusst dass ich, wenn ich das will, aufpassen muss, dass der Zug nicht ohne mich abfährt. Ich hatte bislang nicht wirklich Zeit oder Geld darin investiert, mir digital andere Märkte zu erschließen. Ich habe plötzlich die Chance gesehen, diese Teilnahme als eine Art Forschungsreise à la Alexander von Humboldt zu sehen und einfach unglaublich viel über die digitale Welt und den e-Commerce zu lernen. Und von wem sonst als vom größten, nämlich Amazon, und dann auf mich und meine Werte zu übertragen. Ich nenne es meine „Digital Space Oddity“. Ich bin zu einem anderen Planeten geflogen und schicke als Major Esther Zwischenberichte ans Groundcontrol und komme zurück mit einem riesen Paket an Lebenserfahrungen und einem Fahrplan.

Das klingt phantastisch, aber auch ein bisschen anstrengend. Wie waren denn die Dreharbeiten? 

Die Dreharbeiten waren unglaublich anstrengend! Das wird im Schnitt nicht gefaket. Wir hatten wirklich immer nur 2 Tage und am 3. Tag nochmal ein bis zwei Stunden vor der Show Zeit für eine Challenge. Und eine Challenge kam nach der anderen, nur zwei bis dreimal wöchentlich hatten wir einen freien Tag dazwischen. 

Und was hat dich während dieser Zeit besonders beeindruckt?

Ich finde es großartig über so lange Zeit mit so vielen tollen Designern in einem Raum zu arbeiten. Das war eine unglaublich kreative Energie. Und ich hätte gerne mehr Zeit gehabt, um jeden noch intensiver zu beobachten. Jeder Designer arbeitet so unterschiedlich. 
Am beeindruckendsten war natürlich die Jury, die ziemlich hochkarätig war. Das überraschende war, dass es aber nicht nur um sehr bekannte Persönlichkeiten ging, sondern dass die Jury auch wirklich teilweise sehr konstruktives Feedback gegeben hat. Leider ist das teilweise sehr zusammengeschnitten worden in den Episoden. In Wirklichkeit gingen diese Jurysitzungen manchmal stundenlang. Da konnte man sich sehr viel rausziehen, auch bei den Gesprächen mit den anderen Designern.
Phantastisch war es natürlich auch, mit der gesamten Crew und den Designern einmal um den Globus zu fliegen, ein Privileg der Vergangenheit, in jeder Stadt immer wieder neue Inspirationen und Inspirationsorte zu sehen. Und bei jeder Challenge war es immer eine Überraschung, was sie sich jetzt wieder für eine Idee oder Location ausgedacht haben.

Würdest du wieder teilnehmen?

Nein würde ich nicht. Ich hatte das Glück und auch Amazon hatte das Glück, dass es die erste Staffel war und ich vorher nicht wissen konnte, was auf mich zukommt. Es hieß immer bei den Casting-Interviews, es soll keine typische Designer-Castingshow werden und sich mehr auf etablierte Brands konzentrieren, mit einem größeren Fokus auf Aufgaben im Business-Bereich der Mode.
In einem Casting-Sheet gab es die Frage nach meinen Skills. Man sollte ankreuzen, ob man zeichnen kann, Schnitte machen kann oder Nähen kann. Da wusste ich gar nicht, was ich da ankreuzen soll, weil ich eigentlich nichts von den drei Dingen kann. Ich hab dann mal angekreuzt, dass ich zeichnen kann, da ich schon auf Papier bringen kann, was ich mir vorstelle. Auch in den Interviews habe ich immer wieder gesagt, dass ich seit 15 Jahren nicht mehr wirklich genäht habe und auch keine Schnitte machen kann.
Als ich dann 4 Wochen vor Drehbeginn die Zusage bekommen habe, dass ich dabei bin, haben sie mir noch die kurze Randnotiz gegeben, dass ich doch die letzten 4 Wochen nutzen sollte, etwas nähen zu üben. Als hätte ich diese 4 Wochen nichts anderes zu tun gehabt.
Als ich dann vor Ort war und die Regeln bekannt gegeben wurden, hätte ich denen an die Gurgel springen können :-) Aber mitgegangen, mitgefangen, Augen zu und durch.

Du hast es bis ins Finale geschafft – dazu erst einmal ganz herzlichen Glückwunsch! Falls du als Siegerin aus der Show hervorgehst, winkt eine Investion in Höhe von einer Million Dollar für dein Label. Was würde das für dich und dein Arbeiten bedeuten? 

1 Mio USD klingen erstmal unglaublich viel. Es sind aber Dollar und die Steuern gehen auch noch ab. Aber falls ich gewinnen werde, ist das trotz allem ein super Push um die Marke weiter aufzubauen. Man kann damit keine Riesen Sprünge machen, aber einfach mal zwei bis drei Personen ins Team holen und die nächsten Schritte planen.

Und was hat sich schon alleine durch deine Teilnahme an der Show geändert? 

Ohne die Teilnahme an der Show hätte ich niemals die letzten 8 Monate so unkreativ im eigentlichen Sinne eines Designers zugebracht. Ich habe keine Kollektion gemacht, kein Design. (Monate ging es nur darum wie ich mich am besten digital auf den Launch der Sendung am 27. März 2020 vorbereite. Ich wusste, ich muss an diesem Tag digital top aufgestellt sein. Ich muss eine annähernd perfekte Website mit Webshop haben, aus dem ich international verschicken kann und der SEO-mässig perfekt dasteht. Ich hätte niemals gedacht, dass das so viel Arbeit ist. Vor allem, wenn das Team so mini ist. Aber ich hatte und habe unglaublich tolle Leute um mich herum, die unglaubliches geleistet haben.
Dass der Launch von Making The Cut genau in die Corona Krise fällt, hätte keiner gedacht. Es war schnell klar, dass die Einschaltquoten und Aufmerksamkeit vermutlich sehr viel höher sein werden, dadurch, dass die meisten Menschen zu Hause sind und viel fernsehen, streamen und auf den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Dennoch hatte ich Sorge, dass die schwierige wirtschaftliche Lage dafür sorgt, dass Menschen kein Geld mehr für Fashion ausgeben.
Auch wenn die Serie international ist, ist sie doch sehr amerikanisch. Und so kommt auch ungefähr 80 Prozent des Traffics aus Amerika und dorthin gehen die meisten Verkäufe. Das bedeutet, ich habe die Chance, gerade einen komplett neuen Markt aufzubauen, den ich ohne die Show niemals erreicht hätte. Und das zahlt auf die Zukunft meiner Marke ein.

Stichwort Corona: du hast gerade die Dreharbeiten zur letzten Folge abgeschlossen und warst die letzten Wochen/Monate sehr beschäftigt. Wieviel hast du bei dem ganzen Trubel von der gleichzeitig ausbrechenden Corona-Krise mitbekommen? Hat sich Corona auch auf die Dreharbeiten der Castingshow ausgewirkt?

Meine Tage sind wie ganz normale Tage kurz vor einer Fashion Show, nur dass es nicht nur 2 Wochen vor der Show sind sondern jetzt schon seit ca 5 Wochen, in denen ich täglich 12-16 stunden am Tag in meinem Atelier arbeite. Das schöne daran ist, dass vorne keiner in den Laden kommt und ich ungestört durchradeln kann.

Natürlich fehlen mir auch die Einkünfte aus meinem physischen Store für März und April, wo ich durch die Show auch mit deutlich höheren Einnahmen gerechnet habe.

Ich hoffe sehr, dass die Menschen wieder bewusster einkaufen werden. Weniger, gezielter. Da ich schon vor 2 Jahren entschieden habe nicht mehr B2B an andere Läden zu verkaufen und meine Sachen nicht mehr in den Sale zu geben, um mich etwas aus dem Hamsterrad zu befreien, brechen mir grad keine großen Aufträge weg. Manchmal habe ich das Gefühl, mir hat vor zwei Jahren ein kleines Mäuschen ins Ohr geflüstert: „Mach mal lieber so, wer weiß, was da so alles auf uns zukommt“. Ich habe dadurch vielleicht weniger Teile verkauft, aber dafür zu einem höheren Preis und es hat trotzdem funktioniert.

Weitere Informationen:

Making The Cut

Esther Perbandt

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