09.02.2021 202030

Interview mit INA BUDDE, circular.fashion Interview mit INA BUDDE, circular.fashion

„Wir müssen jetzt mal mutiger sein!“

Ina Budde, 32, wuchs systematisch in die Thematik „Nachhaltigkeit in der Mode“ hinein und entdeckte früh ihre Leidenschaft, Wissen zu teilen und Menschen zu vernetzen. Ihr junges Unternehmen „circular.fashion“ gilt als eines der aussichtsreichsten, nachhaltigen Startups und erhielt 2019 den Global Change Award.

Interview: Uta Gruenberger

Wie genau kam das Thema Nachhaltigkeit zu Dir?

Während meines Master-Studiums in Sustainability in Fashion wurde mit immer mehr klar, es ist zwar großartig, wenn wir Designer:innen allesamt nachhaltig denken und entsprechende Mode entwerfen, aber die Umsetzung der Kleider in unserem bestehenden linearen System, löst all die schönen Träume im Handumdrehen auf, wie Seifenblasen.
Mir wurde klar: Es geht nicht allein ums Produktdesign. Das ist zwar der erste Schritt, aber fehlen tut es an der Basis, an einem sinnvoll aufgebauten Kreislaufsystem, in dem der Abfall an Textilien aufgefangen und wiederverwertet wird. Es hakt von Grund auf an der Infrastruktur und den entsprechenden Geschäftsmodellen.

Und wie ging es dann weiter?

Nun, ich nutzte meine Masterarbeit dafür, ein holistisches Konzept eines nachhaltigen Kreislaufsystems für die Mode-Industrie zu entwickeln. Dabei wurde mir klar: Was fehlt, ist eine Plattform, die eine Zusammenarbeit aller Akteure innerhalb des Produktzyklus ermöglicht und gleichzeitig Transparenz schafft.

Alles schön und gut, doch dann gibt es natürlich, die Frage: Wie bringt man das jetzt zum Leben? Um für solch eine Plattform das Netzwerk von Contributors zu entwickeln, startete ich als unabhängige Beraterin für Nachhaltigkeit und kreislauffähiges Design. Parallel begann ich, an verschiedenen Hochschulen Sustainable Design und Circular Economy zu lehren. Mit diesem Thema war ich dann über Nacht auf einmal ständig unterwegs bei verschiedenen Unternehmen, Universitäten, auf Nachhaltigkeits-Summits und -Events in verschiedensten Städten – von London bis in Melbourne – gute fünf Jahre lang.

An den Unis und in den entsprechenden Communities war die Nachhaltigkeit also damals schon Thema?

Oh ja, aber eben oft als Theorie und schöne Zukunftsvision. Mir hat das Unterrichten großen Spaß gemacht, gerade diese freie Entwicklung von revolutionären Konzepten, die auf unserer heutigen Industrie-Praxis basieren. Parallel wurde mein Wunsch immer grösser, eine Plattform aufzubauen, die all meine Erfahrungen und Kontakte vereint und mir den Impact verleiht, wirklich etwas zu bewegen. Als Beraterin hatte ich mir bereits ein großes Netzwerk von innovativen, nachhaltigen Material-Herstellern, spannenden Textil-Recyclern und einigen anderen Stakeholdern aufgebaut. Sie alle konnten es ja kaum erwarten, dass ihre Ideen in die Realität umgesetzt werden.
Und mir wurde klar: Mein Fokus muss das Verknüpfen und müssen die praktischen Lösungen für Circular Design und Recycling-Infrastrukturen sein. Und so habe ich ein Team aufgebaut, einen Mitgründer gesucht und mit Mario Malzacher schließlich 2017 circular.fashion als Start-up ins Leben gerufen.

“Products of today become the resources of tomorrow”, lautet Euer Slogan?

Genau. Das ist sozusagen die Kreislauf-Idee im besten Sinne. Wenn man sich vorstellt, dass von über 100 Milliarden Fashion-Pieces, die jährlich weltweit produziert werden, nur 1 Prozent in neue Materialien, also von Faser zur Faser recycelt werden, dann weiß man, wo wir heute mit der Nachhaltigkeit in der Mode-Industrie stehen. 12 Prozent werden zumindest in minderer Qualität weiterverarbeitet.

Und worin genau besteht nun Euer Service bzw. Angebot?

Nun, wir bieten interessierten Firmen von Know-how über Kontakte und unsere Circular Design-Software bis zu individuellen Workshops wirklich alles zum Thema „kreislauffähige Mode“ an – ein Rundum-Paket der neusten Lösungen und Technologien. Das beginnt im Bereich Material-Sourcing, wofür wir in unserer eigenen Datenbank hunderte von sorgfältig ausgewählten und überprüft recyclingfähigen Stoffen, Zutaten und nachhaltigen Herstellern erfasst haben. Interessierte Kunden können diese auch direkt in unserem Showroom oder während eines Workshops als haptisches Stoff-Erlebnis entdecken. Designer können konkrete Inspiration aus unseren Circular Design Guidelines ziehen und einige Best Practice Showcases erforschen. Und wenn dann die eigenen Entwürfe stehen, unterstützen wir die Produktentwicklung inklusive dem Circular Product Check. Dieser validiert, ob die Mode auch tatsächlich kreislauffähig gestaltet wurde.

„Von der Circularity.ID bis zum Interface – Open Data Standard.”

2019 haben wir dann unser eigenes Recycling-System präsentiert. Das funktioniert mit einer sogenannten, Circularity.ID, einem scanbaren Label, das wie ein Produkt-Pass, in jedes Kleidungsstück eingenäht werden kann. Jedes  Kleidungsstück wird so per Scan vom Ursprung des Rohstoffs über die Herstellung bis hin zum Vertrieb blitzschnell nachvollziehbar – sprich 100-prozentig transparent. Für Konsument:innen gibt es zu dieser Circularity-ID das passende Smartphone-Interface und die Altkleider-Sortierer können anhand dieser ID und unserer ebenso selbst entwickelten intelligenten Sortierstation die recyclebaren Teile aus den Altkleiderbergen herausfischen und der Industrie zur Wiedernutzung oder Weiterverwertung liefern.
 

Modekonsum als Kreislaufsystem ist also bis ins Detail machbar. Wie reagiert der Markt darauf?

Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir null akquirieren müssen. Die Sustainability als alternativloses Zukunftsthema hat endlich auch die Big Player der Fashion-Industrie erreicht. Sie investieren jetzt in innovative Technologien und das hat ordentlich Aufschwung gegeben.
Zalando, als einer unserer großen Kunden, ist dafür ein schönes Beispiel. Wir helfen ihnen, dass sie ein echter Vorreiter am Markt sind. Im Gegenzug können sie für ihre 3000 Brands im Retail der Katalysator sein, ein Botschafter und Wissensvermittler. Auf diese Art etabliert sich gerade eine neue Form der Kooperation für den „Collaborative Impact“. Schließlich haben wir alle ein großes, gemeinsames Ziel. Und das leben wir auch mit all unseren Partnern und Lösungsanbietern. Man muss die Welt nicht neu erfinden, nur auf gemeinsame Standards bringen.

Und woran hakt es dann noch?

Zwei Aspekte des nachhaltigen Wirtschaftens sind den Unternehmen oft noch nicht so ganz klar. Erstens, dass Circularity auch schon mittelfristig neben dem essentiellen, gesellschaftlichen und industriellen Wandel die faktisch ökonomischen Benefits bringt. Und wer das verschläft, wird bald schon realisieren, dass die Zeiten von linearen Geschäftsmodellen einfach vorbei sind.
Zweitens fehlt oft noch der Weitblick. Denn wenn viele Unternehmen jetzt beginnen, die nachhaltigen Zukunftstechnologien zu nutzen, sprich immer mehr Brands mitmachen, dann wird der sogenannte „Economies of Scale-Effekt“ rasch zum Tragen kommen und diese spannenden, neuen Herstellungs- und Recycling-Methoden für alle sehr viel preisgünstiger machen.

Wenn Du Dir etwas wünschen dürftest …

Dann schick‘ als Aufruf in die Welt: Wir haben bereits so großartige Lösungen für ein nachhaltiges Kreislaufsystem. Was wir nicht haben, ist die Zeit zum Zögern. Wir müssen jetzt mal mutiger sein!

Mehr Informationen:
Ina Budde
circular.fashion

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