20.02.2021 202030

Interview mit ANOSHA WAHIDI, Grüner Knopf Interview mit ANOSHA WAHIDI, Grüner Knopf

"Nachhaltigkeit muss zum Imperativ werden!"

Anosha Wahidi ist Volljuristin und arbeitet seit 2008 im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Nach fünf Jahren im Auslandseinsatz ist sie seit 2013 im Bereich Zusammenarbeit mit der Wirtschaft für mehr Nachhaltigkeit in globalen Lieferketten engagiert. Sie begleitet das Textilbündnis seit seiner Gründung Ende 2014 und hat das staatliche Nachhaltigkeitssiegel Grüner Knopf maßgeblich mitentwickelt und eingeführt. Seit gut drei Jahren arbeitet sie zudem an einem verbindlichen Gesetz zur Verankerung der sogenannten Sorgfaltspflicht von Unternehmern, auf nationaler und europäischer Ebene. Anoshas Ziel: Weltweit die Lieferketten transparent zu gestalten.

Interview: Uta Gruenberger

Was war das Ziel der Gründung des deutschen Textilbündnis? Und wie reagierte die Branche? 

Auslöser für die Gründung war die Katastrophe von Rana Plaza, bei der über 1000 Menschen starben – vor allem Frauen. Die Arbeitsverhältnisse, die zu dieser Katastrophe geführt haben, wollten wir nicht länger akzeptieren. Für nachhaltige Verbesserungen vor Ort wie in den Lieferketten braucht es aber die Zusammenarbeit aller Akteure. Darum haben wir mit dem Textilbündnis eine Lern-, Austausch- und Umsetzungsplattform geschaffen, auf der Wirtschaft, Verbände, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und Politik zusammenkommen, an einem Tisch sitzen und sich ganz konkrete Ziele setzen – von Chemikalien-Management, über Verbesserung der Beschwerde-Möglichkeiten für Näherinnen bis hin zu existenzsichernden Löhnen.

Bei der Gründung gab es viel Widerstand – gerade von der Wirtschaft. Wir hatten zu Beginn gerade mal 1 Prozent Markt-Beteiligung. Mittlerweile sind wir bei rund 50 Prozent. Aber auch das reicht noch nicht.

Ein Schritt Richtung Nachhaltigkeit war die Einführung des Grünen Knopf. Für was steht dieses Siegel?

Beim Textilbündnis geht es um konkrete Verbesserungen und die Transparenz der Lieferkette. Hier kann jedes Unternehmen freiwillig mitmachen: Anerkannte Nachhaltigkeitsvorreiter aber auch Unternehmen, die sich gerade erst auf den Weg machen. Mit dem Grünen Knopf haben wir die Verbraucherinnen und Verbraucher im Blick und möchten diese Transparenz nachvollziehbar machen. Konsumenten sollen beim Einkauf einfache Orientierung erhalten. Der Grüne Knopf zeichnet sozial und ökologisch hergestellte Textilien aus. Das Besondere ist aber: Neben dem Produkt, wird immer auch geprüft, ob das Unternehmen seine Sorgfaltspflichten umsetzt. Der Grüne Knopf ist das erste Siegel überhaupt, das diese Kontrolle systematisch angeht.
Zum Start waren 27 Unternehmen dabei – nach einem Jahr hat sich die Anzahl bereits verdoppelt – auch ein Unternehmen aus dem Ausland hat sich eingeklinkt. Auffällig ist die große Bandbreite der Unternehmen: Vom kleinen Start-up mit drei Mitarbeitern und Mode-Unternehmen wie Hessnatur, über Outdoor-Marken wie Vaude und Jack Wolfskin bis hin zu Discountern ist alles mit dabei.
Diese Vielfalt zeigt mir, dass es Unternehmen jeder Größe möglich ist, ihrer Sorgfaltspflicht nachzukommen. Man muss es nur wollen und auf Leitungsebene durchsetzen. Allein im ersten Halbjahr 2020 wurden über 50 Millionen Grüner Knopf-Artikel verkauft – und das trotz Corona. Wir sind daher auf einem guten Weg.

Sorgfaltspflicht hört sich eigentlich nach Ehrenkodex und Basis für jeden Unternehmer an. Warum ist die gesetzliche Verankerung ein offenbar extrem langwieriger Prozess?

Sorgfaltspflichten sind für viele Unternehmen etwas Neues. Man darf sie auch nicht mit Corporate Social Responsibility (CSR) verwechseln. Sie bedeuten, dass jedes Unternehmen alles in seiner Macht Stehende tun muss, um Schaden von Mensch und Natur in seiner Lieferkette abzuwenden. Dafür muss es diese erst einmal wirklich kennen, die Risiken identifizieren und Abhilfe schaffen. Derlei Sorgfaltspflichten müssen natürlich Teil der DNA eines Unternehmens sein, sie müssen auch vom Betriebseinkauf gelebt werden, nicht nur von der Kommunikationsabteilung.
Aber es bewegt sich einiges – auch dank des Grünen Knopf und der Diskussion um ein deutsches Gesetz zur Sorgfaltspflicht. Auf EU-Ebene gewinnt die Debatte um verbindliche Regeln auch an Fahrt. Ich bin mir sicher: Bald wird sich jedes Unternehmen mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzen müssen – und das ist gut so!

Die weltweite Textilproduktion wie auch ihre Rechte-Verteidiger bzw. -Erkämpfer scheinen fast nur weiblich zu sein?

Es gibt – und dafür bin ich sehr dankbar – an der Nachhaltigkeitsfront einige wirklich tolle Unternehmerinnen und zivilgesellschaftliche  Kämpferinnen, die alles dafür tun, dass sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern verbessern. Die Textil-Lieferkette ist weiblich: Hier arbeiten viele Millionen Frauen. Ihr Schicksal treibt mich persönlich tagtäglich an, denn ich habe auf meinen zahlreichen Reisen in den Produktionsländern gesehen, wie Frauen in stickigen Fabriken zwischen ekligen Tier-Kadavern oder bis zu den Knien in Chemikalien stehen, um darin für einen Hungerlohn zum Beispiel Leder zu gerben. Und nach der Arbeit müssen sie sich um die Familie kümmern. Wir können uns nicht vorstellen, wie hart und unerträglich die Lebensrealität dieser Frauen ist. Von Gewalt und Missbrauch gar nicht zu reden.

„Meist entscheiden Menschen, die noch nie selbst vor Ort waren …“

über die Standards, die unbedingt erforderlich wären, um die Situation der Arbeiterinnen vor Ort zu verbessern. Von diesen Leuten musste ich mir allzu oft anhören, dass wir die Unternehmen überfordern würden oder den Satz: „Selbstverständlich sind uns Menschenrechte wichtig, aber…“. Darüber gibt es jedoch nichts zu diskutieren. Menschenrechte sind das Fundament unserer Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass wir in unseren Produktionsländern im globalen Süden Arbeitsbedingungen akzeptieren, die in Deutschland zurecht verboten sind. Eigentlich sollte die verbindliche Regelung der Sorgfaltspflicht kein Thema sein. Schließlich hat eine repräsentative Umfrage der Bundesregierung klar gemacht, dass Freiwilligkeit alleine nicht ausreicht. Bislang setzen nicht einmal 20 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Sorgfaltspflichten um!

Was ist deine Vision bzw. wie geht es nun weiter mit der Nachhaltigkeit? 

Unternehmen brauchen klare und verbindliche Vorgaben, wie sie nachhaltig und transparent wirtschaften müssen – in Deutschland und Europa, möglichst aber weltweit. Sie müssen wissen, was von ihnen erwartet wird und brauchen ein „Level-Playing-Field“. Die Achtung der Menschenrechte darf kein Wettbewerbsnachteil mehr sein.

Allerdings liegt es auch an den Konsumenten, ein nachhaltiges Bewusstsein zu entwickeln. Stets nur mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, so kommen wir nicht weiter. Fangen wir doch alle gemeinsam und jeder für sich im eigenen Leben an.

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