16.02.2021 202030

Interview mit MARIE NASEMANN, Fairknallt Interview mit MARIE NASEMANN, Fairknallt

„Ehrlichkeit & Kompromisse – das ist fair und der Weg zu Grün.“

Marie Nasemann ist Schauspielerin, Model und Fair Fashion Pionierin, hat 155 K Follower:innen auf ihrem persönlichen Instagram Account und 42 K Fans folgen ihrem Kanal @Fairknallt. An ihrem Familienzuwachs lässt sie die Community intensiv teilhaben. Als „Young Icon“ engagiert sie sich wortstark für die Frauenthemen Mode und Gleichberechtigung.

Interview: Uta Gruenberger

Was brachte dich vom Glamour des GNTM in die Welt von Fair Fashion?

Mein absolutes Flash-Erlebnis war 2013 eine Talkshow, die gnadenlos real die grauenhaften Bilder vom Fabrikeinsturz der Rana Plaza Kleiderfabrik in Bangladesch zeigte. Das hat mich damals durch und durch erschüttert und wirklich wachgerüttelt. Ohne dieses Ereignis wäre ich heute nicht da, wo ich bin.
Meine intensiven Recherchen, welche Firmen sich für Fair Fashion wirklich seriös und konsequent engagieren, sind daraus irgendwie von selbst entstanden und bleiben auch weiterhin mein Fokus. Als professionelle Unterstützung für diese doch recht anspruchsvollen Analysen habe ich mir Norian Schneider, einen jungen Nachhaltigkeitswissenschaftler aus Lüneburg, zur Hilfe genommen. Er weiß, diese sehr komplexen Zusammenhänge von Materialkunde, Arbeitsbedingungen und Lieferketten entsprechend einzuordnen und zu bewerten.

Ist diese Komplexität von Herstellungsketten der Textilindustrie in den Social Media überhaupt kommunizierbar?

Genau das ist eins der Hauptprobleme. Die Community ist grundsätzlich durchaus offen und an nachhaltigen Produkten sowie Fair Fashion interessiert – und auch bereit zu lernen. Aber natürlich ist man schnell frustriert, wenn man nicht das findet, was man sucht, oder die Preise zu hoch sind.
Aber ich denke, es ist wichtig, dass uns anhand von Reportagen und Filmen, Bildern und Podcasts die Misere der Modeindustrie noch viel nähergebracht wird. Nicht nur der Zusammenhang zwischen Klimakrise und der immer schneller wachsenden Fashion-Industrie, sondern auch, unter welch schlechten Arbeitsbedingungen Mode produziert wird.
Andererseits wirkt nichts so abschreckend wie ein Overload an Information oder noch schlimmer: der erhobene Zeigefinger. Der Wandel sollte auch Spaß machen.

Der generelle Haltungswandel wird also aus emotionaler Berührung und Freiwilligkeit geschehen?

Ja, genau – aus eigener Betroffenheit heraus und/oder durch entsprechend gewählte Vorbilder, die einen inspirieren. Und es kommt noch ein zweiter, wichtiger Punkt dazu. Nehmen wir zum Beispiel das Thema „Zero Waste“. Dazu gibt es ja in den Social Media tausende Aktionen, aber erst kürzlich habe ich mir diese Null-Abfall-Ambition als Prozentsatz in unserer gesamten Klimabilanz angeschaut. Der Verpackungsmüll macht nur einen sehr geringen Anteil unserer CO2-Bilanz aus. Besser wäre es, mehr Zero Fly-Aktionen bei Instagram zu sehen. Da fällt zwar der persönliche Verzicht natürlich viel schwerer, aber es wäre so wichtig, genau das zu thematisieren.

Wir sprechen von der Gratwanderung der Ehrlichkeit?

Ich hatte bislang echt Glück und keine wirklichen Shitstorms. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich versuche, sowohl auf @Fairknallt als auch auf meinem persönlichen Account maximal ehrlich zu sein. Ich poste mein Scheitern und die vielen Kompromisse genauso wie meine Erfolge in puncto Nachhaltigkeit. Ich zeige, wie etwas für mich gehen kann oder eben nicht. Das motiviert viele. Im Gegenzug erhalte ich auch tolle Tipps von meinen Follower:innen. Von diesen Versuchen im Alltag handelt übrigens auch mein erstes Buch, das der Ullstein Verlag im kommenden Mai präsentiert: Fairknallt – Mein grüner Kompromiss.

So wie ich dich hier erlebe, geht es mit pragmatischem Humor zur Sache?

Ich denke, das ist der beste Weg. Nämlich, wenn meine Leser:innen und Follower:innen selbst Lust bekommen, ihren Beitrag zu leisten. Wenn es ihnen Freude macht, sich zu engagieren. Dafür versuche ich, die vielen kleinen Schritte und möglichen Stellschrauben zu zeigen, an denen man ganz praktisch ansetzen kann. Es geht ja letztendlich um eine ganz neue Aufmerksamkeit im Alltag, in welchen Details wir unsere Lebensweise ändern können, wenn wir eben wollen.

Mode ist mit Sicherheit der Bereich, in dem wir am leichtesten das Verzichten lernen können und dadurch zu einer grüneren Zukunft beitragen. Während der Lockdowns, haben, glaube ich, einige Menschen die Zeit genutzt, ihren Kleiderschrank auszusortieren und dabei festgestellt, dass man auch mit weniger gut leben kann.

Wie sieht denn der ideale Kleiderschrank 4.0 aus?

Mein Vorschlag wäre so eine Art „Capsule Wardrobe“ – zwei bis vier Hände voll fairer und nachhaltiger Basics, die man dauernd trägt. Die qualitativ hochwertig sind und ewig halten. Und dann noch ein paar ausgefallene Lieblingsstücke, die der Garderobe mehr Individualität verleihen. Dafür kann man allerdings gut in Vintage Stores stöbern.

Kannst Du ausschließlich von Fair Fashion Partnern leben?

Auch da gilt es abzuwägen und Kompromisse zu machen. Ich kooperiere einerseits mit anerkannt nachhaltigen Companys wie Armedangels, aber auch mit großen Playern wie C&A oder Filippa K. die zwar noch nicht zu 100 Prozent Fair Fashion sind, aber auf einem langfristig guten und glaubhaft nachhaltigen Weg sind und nicht versuchen, durch eine einzelne Kollektion Greenwashing zu betreiben. Ich gucke mir ganz genau an, was das langfristige Ziel einer Marke ist und ob sie in der Vergangenheit ihre selbst gesetzten Ziele erreicht hat. Nur von Fair Fashion-Marken alleine könnte ich allerdings nicht leben. Aber Nachhaltigkeit spielt ja inzwischen in vielen Produktwelten eine große Rolle, wie z. B. auch in der Kosmetik, in der Mobilität oder im Food-Bereich. Sagen wir so: Es ist immer noch Luft nach oben.

Und was hat Dich von Bayern nach Berlin gezogen?

Ich liebe den Freigeist dieser Stadt. Berlin ist liberal, tolerant und politisch. Und auch das Feiern kommt nicht zu kurz. Das hat mich schon immer fasziniert. Alle können so leben, wie sie möchten. Es gibt keine vorgeschriebenen Lebensmodelle. Und für meine Arbeit ist Berlin sowieso der beste Standort. Hier wird gecastet, produziert und die wichtigsten Veranstaltungen der Film- & Fashion-Branche finden ebenfalls hier statt. 

MORE NEWS MORE NEWS